Mozart messen

»Zu schön für unsere Ohren, und gewaltig viel Noten, lieber Mozart!« Ein Jahr, nachdem Wolfgang Amadé Mozart im Juli 1781 von Salzburg nach Wien gezogen war, beauftragte ihn Kaiser Joseph der II. mit einer Komposition. Auf die Bemerkung, die der Kaiser nach der Uraufführung gegen Mozart wandte, antwortete dieser salopp: „Gerade so viel, eure Majestät, als nöthig ist.“ – Ja, aber wie viele Noten sind denn nötig?

Die Webseite trägt den Arbeitstitel „Mozart messen“ und damit schon alle Stichworte auf minimalem Raum: Es geht an erster Stelle natürlich um Mozart. Es geht um quantitative Verfahren, um das „Messen“, das man sonst eher aus Naturwissenschaften und nicht aus Kulturwissenschaften kennt. Das dritte und letzte Stichwort sind „die Messen“, eine Gattung, die bei Mozart auf eine kleine Auswahl an Kompositionen zielt. Mozart hat insgesamt 16 Messkompositionen verfasst, und diese bildeten den Korpus.

In der Musikwissenschaft ist die Analyse mithilfe Quantitativer Methoden zwar nichts Neues, aber eher ein Randgebiet. Zwei Arbeiten sollen hier erwähnt werden, von denen wir viele Ideen aufgegriffen haben: Bruce Campbell Mac Intyre hat 1986 eine Studie1 veröffentlicht, in der er Messen dieser Zeit statistisch erfasste und auswertete. In seinem Fundus (um die 100 Messen) ermittelte er beispielsweise Durchschnittswerte für die Länge einzelner Messen-Sätze. Wilhelm Fucks2 versucht, von dem musikalischen Sinngehalt der Musik abzusehen. Diese Entscheidung ist an die Methodik der Physik angelehnt, die nicht nach dem Sinn des Naturgeschehens fragt, sondern lediglich eine exakte Beschreibung der Vorgänge liefert. Er verspricht sich durch den Verzicht auf die Frage nach dem „Sein hinter den Erscheinungen“ eine Objektivität der Aussagen. Aber auch er lenkt schließlich ein, dass in einem gewissen Umfang auch der musikalische Sinnzusammenhang berücksichtigt werden muss. In der Musik sei der Sinngehalt letzten Endes doch zu eng mit der Formalstruktur verknüpft.

Diese Seite greift dieses Vorgehen auf, es geht jedoch nicht darum, aus Mozart ein objektives, „physikalisches“ System abzuleiten. Der Grundgedanke ging eher davon aus: Wie geht man an eine zwar begrenzte, aber doch recht umfangreiche Zusammenstellung von Kompositionen einer gleichen Gattung heran; wie kann man im Mikrokosmos auf interessante Beobachtungen und im Makrokosmos auf Vernetzungen und Ähnlichkeiten stoßen und wie kann man diese Beobachtungen wiederum auf den geschichtlichen, biographischen und musiktheoretischen Kontext der Zeit beziehen.

Computergestützte Analyse sollte in der Geisteswissenschaft nicht zum Selbstzweck werden. Jedoch: „Ars longa, vita brevis.“, „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“. Für die Kulturwissenschaft ist dieser Satz ein ewiger Begleiter und vielleicht wird sich eine ähnliche Vorgehensweise dort in Zukunft auch bewähren: Die Technik als ein Hilfsmittel und Werkzeug zu begreifen.

1 Wilhelm Fucks (1965), Exaktwissenschaftliche Musikanalyse.
2 Bruce C. Mac Intyre (1986), The Viennese concerted mass of the early Classic period.

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